Politisch mag sich der einstige Autopionier Elon Musk ins Abseits manövriert haben, auch in seinem Tesla-Konzern läuft längst nicht alles nach Plan. Und doch zeigt sich dieser Tage wieder mal eindrucksvoll: Tesla ist immer noch ein Vorbild, an dem sich viele westliche Autokonzerne orientieren, von dem sie noch viel lernen können.
Begonnen hat damit der ehemalige VW-Konzernchef Herbert Diess, der sich als früher Musk-Fan outete. Vor allem technologisch war Tesla für VW ein Leuchtturm: Den Wandel zur softwaregetriebenen Elektro-Architektur versuchte Diess zu kopieren, technologisch aufzuholen.
Diesen Status mag Tesla verloren haben. In Hinsicht auf die Organisation seiner Produktion aber ist das Unternehmen den deutschen Herstellern immer noch weit überlegen, vor allem gegenüber VW. Das betrifft aktuell die Produktpalette und regionale Werkskapazitäten. Zum Vergleich: Tesla baut für Europa in Grünheide drei Kernmodelle mit je zwei unterschiedlichen Motorausstattungen. Bei VW gibt es im Zwickauer Werk allein vom Mittelklassewagen ID.3 vier Varianten, dazu je unterschiedliche Sitze, verschiedene Fahrassistenten und Motoren- und Batterieklassen. Macht zusammen: eine teurere Produktion, eine anfälligere, weil komplexere Lieferkette und weniger Flexibilität, falls der Markt weniger nachfragt.
Ein Multi-Faktoren-Manko, das der aktuelle VW-CEO Oliver Blume ändern will. „Wir reduzieren Komplexität, fokussieren unsere Technologien, richten Produkte, Entwicklung und Produktion noch regionaler in den Märkten aus, und bauen Überkapazitäten ab“, sagte Blume nach der zukunftsweisenden VW-Aufsichtsratssitzung am Donnerstag. Unter anderem soll die Modellpalette seiner Meinung nach um die Hälfte schrumpfen, die Zahl der Ausstattungsvarianten sogar um drei Viertel. Mit anderen Worten: Der VW-Konzern der Zukunft soll demnach ein Stück weit so werden wie Tesla heute: schlank, flexibel und regional ausgerichtet.
Geht es nach Blume, würde VW in einigen Jahren jenseits seines Stammwerkes in Wolfsburg in Deutschland keine Autos mehr produzieren. Die Werke in Zwickau und Emden würden laut der nach der gestrigen Sitzung durchgesickerten Details 2031, das in Hannover ein Jahr später die Produktion einstellen. Die VW-Tochter Audi würde in Deutschland ab 2034 nur am Stammsitz in Ingolstadt produzieren, Audi in Neckarsulm wäre dann Geschichte. Macht vier Werke und fast 100.000 Beschäftigte weniger.
Es wäre ein anderer VW. Die Gewerkschaften und das Land Niedersachsen wollen aber keinen anderen VW.
Dass Blume solch einen Sparkurs fahren kann, beweist er gerade in China. Dort hat Volkswagen seit 2023 die Fertigungskapazität von etwa 1,5 Millionen Fahrzeugen abgebaut. Fünf Fabriken sind verkauft, geschlossen oder umgewidmet worden, darunter der umstrittene Standort Urumqi in der Region Xinjiang. Die WirtschaftsWoche berichtete.
Den Aufschrei darüber hat es weder in Deutschland noch in China gegeben. Das liegt in China selbstredend an der Diktatur, die Proteste nicht gestattet. Und das liegt an der chinesischen Wirtschaft, die Ausfälle eines einzigen Marktteilnehmers durch die Investitionen eines anderen kompensiert. Im ehemaligen Urumqi-Werk von VW testet heute der einheimische Auto-Dienstleister SMVIC.Eine solche Zuversicht fehlt heute in Europa. Der Zweifel, dass die verlorenen VW-Industriearbeitsplätze in Deutschland nicht wiederkommen, ist berechtigt. Aber: Sich vor Marktrealitäten zu verschließen, wird VW auf Dauer allerdings nicht retten.
Denn grundsätzlich ist die VW-Situation in China und Europa gar nicht so verschieden. In beiden Regionen ist der Autoabsatz deutlich geschrumpft, auf beiden Seiten wächst für die Unternehmen die Konkurrenz. Dazu werden die Märkte immer autonomer: Autos in Deutschland zu bauen und sie nach China und die USA zu exportieren, wird wegen Zöllen und geopolitischen Zerwürfnissen nahezu ausgeschlossen sein. Wie Tesla heute wird auch VW in Zukunft in Europa vor allem die Autos bauen, die auch in Europa gekauft werden. Und wenn es kleinere und günstigere Fahrzeuge sein sollen, wird das im eher teuren Deutschland allein kaum möglich werden.
Das ist der Grundgedanke, der Blumes Umbau antreibt: ein schlanker, flexibler Konzern, der schnell auf die Erfordernisse der Regionen reagieren kann. Ja, ein Stück weit wie Tesla, das (mit Uralt-Modellen) seinen Absatz im Juni im Vergleich zum Vorjahr verdreifachen konnte. Wenn die Politik und Gewerkschaften einen solchen Konzern nicht wollen, müssen sie jetzt die Argumente liefern, warum ein Tanker in Zukunft doch erfolgreicher sein soll. Wenn es die denn gibt.
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2026-07-11T00:57:13Z